Micropark Pilatus
Herzblut Ding

Seit einiger Zeit beobachtet man zwei Tischtennisspieler, vom Gebäude gegenüber des microParks Pilatus. Die zwei Alphatiere sind neu bei uns eingezogen und kochen ihren Kaffee auf einem Gaskocher.

Es beherbergt wahrhaft unternehmerisches Flair, dieses Büro, das ganz oben im microPark Pilatus von den zwei jungen Herren Michèl Odermatt und Samuel Friedrich so liebevoll gestaltet wurde. „2point“, heisst es an der Tür. Eine Art „To the point,“ ergänzt Samuel. „Viele Unternehmen sind intern schon so eingesessen, dass sie den Blick für Neues verlernt haben. Wir bringen es auf den Punkt, wir zeigen neue Wege auf, neue Perspektiven,“ so Samuel Friedrich.

Die beiden Stehpulte bestehen aus Holzpaletten und einer Tischplatte, darunter ruht ein Balancierkissen. Ziemlich sportlich. „Ja, wir sind sportlich,“ grinst Samuel, welcher dieselben Hobbies wie Michèl pflegt: Biken, Snowboarden und Wassersport. Gesessen wird selten, nur bei Besprechungen wie dieser.  „Möchtest du einen Kaffee?“ fragt er, während der Kaffee bereits auf dem kleinen Gaskocher brüht. „Wir haben keine Kaffeemaschine,“ meint er als Antwort auf meinen Blick. In gemütlicher Kleidung steht er da, in seinen Ohren zwei schwarze kleine Ringe, auf dem Gesicht ein breites Lächeln. Der 3D-Drucker brummt leise vor sich hin, er druckt gerade eine Halterung für eine Go-Pro Kamera. Michèl sitzt bereits am Tisch, balanciert auf dem Sitzball vor und zurück und spielt mit einem 3D-Ausdruck, während er für sich über die Camping-Kaffemaschine schmunzelt. Sein Gesicht mit Bart ziert ein stets optimistisches Lächeln. Der 28-jährige hat Automechaniker gelernt, dann die Berufsmatura nachgeholt, in Biel Automobiltechnik studiert und schliesslich im vergangenen Dezember sein Teilzeitstudium an der Technischen Hochschule in Horw absolviert.

Samuel setzt sich und beginnt ebenfalls zu spielen: Mit einem Knetgummi. Der 27-jährige hat nach seiner Lehre als Polymechaniker drei Jahre auf seinem Beruf gearbeitet und schliesslich ebenfalls in Horw ein Studium absolviert. Im Studium haben sie sich kennengelernt, die beiden Wirtschaftsingenieure, und haben bemerkt, dass sie dieselben Hobbies, dieselben Interessen und dieselbe Herkunft haben.

Was macht ihr denn genau?

„Wir bieten Engineering-Dienstleistungen im Bereich der Produktentwicklung und des Sondermaschinenbaus. Zudem erstellen wir für unsere Kunden Funktionsmuster und Prototypen oder einbaufertige Einzelteile innert kurzer Zeit,“ erklärt Michèl kurz.

Eigentlich sei es ganz einfach: jemand habe eine Idee, wisse aber nicht, wie er sie umsetzen soll oder nur ein Problem, das er nicht zu lösen wisse,“ erklärt er weiter. Die Schwierigkeit bestehe im Gewinnen von Neukunden. „Viele sind sehr kritisch, die Konkurrenz ist enorm gross. Unser Vorteil besteht darin, dass wir sehr nahe bei den Menschen sind, wir gehen persönlich hin und pflegen nahen Kundenkontakt,“ so Michèl.

Die erste Bürostätte richteten sich die beiden im alten Bauernhaus von Michèls Grossmutter ein. Wie man sich ein Start-Up eben vorstellt, so simpel wie möglich. „Schon bald haben wir aber gemerkt, dass es schwierig wird, die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem zu ziehen.“ Ausserdem eigne sich der microPark Pilatus besser, um Neukunden von ihrer Arbeit zu überzeugen.

Furchtbare Optimisten

„Wir kennen uns noch nicht ewig, aber wir haben recht viele Gemeinsamkeiten und ergänzen uns fachlich sehr gut. Ich bin ein furchtbarer Optimist und Michèl ist der noch viel schlimmere Optimist. Er weiss als Automechaniker viel über Elektronik und Programmierung. Meine Stärke liegt eher im Designbereich,“ meint Samuel. Ab und zu können sie ganz schön aneinander geraten, die Diskussionen blieben aber immer sachlich, versichern die zwei. „Zusammen finden wir immer die optimale Lösung, wir wären nie so weit gekommen, wenn wir immer dieselbe Meinung gehabt hätten,“ so Michèl in breitem Obwaldnerdeutsch. Gerade in der Startphase eines Startups werden viele wichtige Entscheidungen getroffen, welche ausdiskutiert werden müssen. „Jede Entscheidung, die wir jetzt treffen, hat Folgen.“

Ein schrecklich schönes Leben

Das Leben als Start-Uper sei schrecklich schön. Schrecklich, weil man wohl nicht mal in der Pubertät so viele Gefühlsschwankungen durchmachen müsse und schön, weil man Schmetterlinge im Bauch habe, wie ein Verliebter. „Wenn du am Freitag oder halt Samstag die Tür schliesst, weisst du: Das habe ich für mich gemacht. Es geht nicht ums Geld, es geht ums Intellektuelle und die Unabhängigkeit. Es fühlt sich einfach besser an, man ist viel zufriedener. Dann hast du mal wieder zwei Stunden super Laune, und dann fliegst du in ein Loch,“ meint Michèl. Samuel nickt und ergänzt: „Mit Leidenschaft hat man Erfolg, man muss den Mut haben und dann kriegt man ziemlich viel zurück. Start-Up Bücher sind okay und gut, aber es gibt keinen Leitfaden, der passt. Du musst dir alles selbst erkämpfen. Du merkst jeden Tag, dass du am Leben bist.“

Nach seinem Studiumsabschluss im letzten Sommer erhielt Samuel ein gutes Jobangebot einer schwedischen Firma. Anstatt es anzunehmen, flog ich für vier Monate nach Mallorca, um Biketouren zu führen. „Ein Hamsterrad, das einfach rotiert, ist nicht mein Ding, ich möchte selber was tun.“ Michèl realisierte während dieser Zeit seine Bachelorarbeit, welche auf Seiten des Betreuers auf grosses Interesse stiess. Der Betreuer forderte Michèl auf, auch nach dem Abschluss weiterzumachen. „Samuel sollte mir mit dem Design helfen und so skypten wir oft während dieser Zeit und spinnten unsere Idee eines Start-Ups. Der erste Auftrag war bereits da, von Michèls Dozenten. „Also machten wir im November 2014 Nägel mit Köpfen, wir waren beide davon überzeugt, dass wir Erfolg haben können,“ erklärt Samuel.

Mittlerweilen ist auch der Kaffee fertig und erfüllt den Raum mit einem angenehmen Duft. Der Tisch, an dem an Tagen wie heute gesessen wird, dient in den Pausen oft als Tischtennistisch und das nicht nur zur Freude der beiden Jungs: „Die Arbeiter der gegenüberliegenden Firma beobachten gerne mal den Punktestand,“ so Michèl. An der Wand neben dem Zeitplan findet man die aktuellen Werte über den Spielverlauf. „Nach diesen sportlichen Einsätzen sind wir jeweils wieder ganz fit.“

Wie es im Unternehmen weitergeht, lässt sich noch nicht so genau festhalten. „Wir sind motiviert und bis jetzt klappts gut, natürlich würden wir auch gerne wachsen,“ so Samuel. Die beiden haben drei sehr grosse Projekte in Aussicht, welche sie zusammen mit Studenten der Hochschule Luzern ausarbeiten werden.

„Die Schwierigkeit besteht eigentlich darin, dass man sich viel zu viel überlegt, man muss es einfach machen. Du wirst eh gezwungen, auf einen Schlag alles zu lernen. Einfach machen und dann kriegst du schon eine Rechnung der AHV,“ lacht Michèl über seine Erlebnisse. „Weisst du, Biss zu haben ist alles. Man darf sich nie davon abbringen lassen, Geld ist kein Motivator, egal wie du es anstellst, es ist eine Achterbahnfahrt.“

Und jetzt im Sommer?

„Auch in den Ferien spielen wir gerne Entdecker, wir haben beide einen ausgebauten VW-Bus und touren gerne damit umher,“ so Michèl. „Diesen Sommer liegen aber keine grösseren Ferien drin, wir werden arbeiten, das hier ist ein Herzblut-Ding, wir lieben, was wir machen,“ grinst er.

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HINWEIS: @Mieter des microPark Pilatus: Lust auf Tischtennis? Nun wisst ihr, wo ihr einen Tisch findet.

Infos zu 2point:  www.2point.ch