Micropark Pilatus
Von Bhutan nach Alpnach

Von Bhutan nach Alpnach

Früher hatte sie immer gelitten, wenn Schüler schlechte Noten geschrieben haben und dann unbarmherzig über ihre Köpfe hinweg entschieden wurde. „Irgendwie hatte ich immer ein Problem mit dem oft starren Schulsystem“, erzählt Marlies Maier, welche seit 2013 ihr eigenes Lernatelier führt. Es gibt Lehrer, die unterrichten, weil es ihr Beruf ist und dann gibt es Menschen, die es sich zwar zum Beruf gemacht haben, anderen Menschen Dinge beizubringen, die aber auf jeden dieser Menschen individuell eingehen. Sie lehren nicht, sie begleiten beim Lernen. Marlies Maier ist letzteres.

Sie empfängt mich im dritten Stock im Gebäude des microPark Pilatus. Wer ihr „Lernatelier“ betritt, dürfte sich an die ersten Schuljahre erinnern, als die Holzgestelle noch mit bunten Büchern und Lernspielen lockten, eine grosse Wandtafel mit farbigen Kreiden zum Kritzeln animierte und ein Globus über dem Lehrerpult zum Träumen lud. Am Lehrerpult sitzt Marlies, neben ihr liegt ein toter Spatz, sie hoffte, er würde sich erholen, hat er leider nicht. Nun blickt sie hoch und lächelt auf diese vertraute und liebevolle Art, wie wir beim ersten Schultag angelächelt wurden. „Ja, ich hab es wirklich schön hier“, freut sie sich in den Raum blickend.

Dauerstreitthema Schule

Die ehemalige Gymnasiallehrerin ist aus Solothurn, hat in Bhutan gelebt, dann in Zürich unterrichtet und jetzt wohnt und arbeitet sie in Alpnach Dorf, das ist die Kurzfassung. Für die 36 Jährige – sie überlegt kurz, ob das stimmt – besteht das Leben aus Lernen und zwar nicht aus dem mühsamen, gezwungenen Lernen, das Lernenden zu Alpträumen verhilft und uns bereits im Kindesalter aufgezwungen wird. Sondern jenes Lernen, das Spass macht. Welche Sorte von Lernen macht Spass? „Es macht dann Spass, wenn man merkt, dass es machbar ist, wenn man Platz hat, um auch mal über was anderes zu sprechen, wenn man begreift, dass die Schule nicht alles im Leben ist“, so Marlies. In ihrem Lernatelier schafft sie es immer wieder, Lernenden, die den „Schulablöscher“ haben, die Freude am Lernen wieder zu geben und vor allem Entspannung in die Lernangelegenheit zu bringen. Damit macht sie allen eine Freude: „Viele Eltern sind froh, dass sie zu Hause nicht mehr das Dauerstreitthema „Schule“ haben“, so Marlies.

Begonnen hat alles während ihrer Arbeit als Gymnasiallehrerin für Latein und Altgriechisch. „Die Schüler waren in ein System gedrängt, konnten den Erwartungen oftmals nicht gerecht werden und als Lehrperson waren mir die Hände gebunden, wirklich zu helfen.“ Marlies mochte ihre Arbeit mit Teenagern gut, war gerne Lehrerin, aber irgendwie stimmte das für sie so nicht. Nachdem sie in Bhutan Deutsch unterrichtete, weil ihr Partner dort die Schweizer Leitung eines Spitals übernommen hatte, fiel ihre Entscheidung: „Ich werde künftig anders lehren, individueller.“ Es folgten zwei Jahre, in denen sie sich ausschliesslich weiterbildete: Dabei lernte sie verschiedene lerntherapeutische und reformpädagogische Ansätze kennen, wobei es ihr vor allem die Montessori-Pädagogik angetan hatte.

Von der Wohnung zum microPark

2013 eröffnete sie ihr eigenes Lernatelier zu Hause, die Nachfrage war gross und plötzlich wurde alles zu eng, ein Büro konnte sie sich noch nicht leisten. Während einer Zugfahrt las sie die Überschrift „microPark Pilatus“ und googlete, „wie das Neugierige so machen“, Marlies lacht. Sie brauchte eine Weile und wagte dann einen erfolgreichen Versuch: Seit Anfang Jahr ist das Lernatelier Alpnach im microPark Pilatus. „Der microPark ist genial. Ich habe hier zwei riesige offene Räume, was Besseres hätte mir nicht passieren können.“ Viele ihrer Kunden kämen ohnehin mit dem Zug, dafür sei die Lage perfekt.

Mittlerweilen zählt das Start-Up-Unternehmen 5 Angestellte auf Stundenlohnbasis, alles ausgebildete Lehrpersonen. „Das ist mir wichtig, um die Qualität gewährleisten zu können.“ Und dann gibt es da noch Tommy und Simba, zuständig für Empfang, Sicherheit und Konzentrationshilfe. Die beiden sind auf vier Beinen unterwegs: „Viele Kinder werden lockerer, wenn sie von Hunden begrüsst werden. Ab und zu gehen wir auch spazieren, um über etwas Wichtiges zu sprechen“, so Marlies. Dem Spatzen konnte sie das Leben zwar nicht retten, dafür hat Tommy eine zweite Chance gekriegt: Der ehemalige Strassenhund hatte ihr in Südamerika leid getan.

Was genau kann man bei dir lernen?

„Wir decken alle Themen rund ums Lernen ab, seien es genetisch bedingte Lernschwierigkeiten wie Legasthenie oder einfach Hilfestellungen in einem bestimmten Fach, egal ob Mathematik oder Betonmischen. Den Fokus legen wir auf Lerncoaching, Lerntechniken, zu motivieren, wieder Freude und Entspannung zu vermitteln.“ Es komme aber auch vor, dass sie älteren Leuten beibringe, wie man mit dem Computer umgeht oder wie man Briefe schreibt, recherchiert oder auf Spanisch einen Kaffee bestellt. „Es wird alles sehr individuell unterrichtet, ganz nach dem Bedürfnis von jedem Einzelnen.“ Trotzdem bieten Marlies und ihr Team nur das an, was sie können, die vorhandene Kompetenz sei ihr sehr wichtig. Für die Mathematik komme beispielsweise ein leidenschaftlicher, pensionierter Gymnasiallehrer jeweils einmal wöchentlich von Biel her. Das Angebot im Lernatelier wird genutzt, pro Woche unterrichtet sie ca. 20 Stunden, eine herkömmliche Lehrperson unterrichtet ca. 24 Stunden. Momentan zählt Marlies 40 Kunden und das alleine über Mund-zu-Mund-Propaganda: „Ich musste in den letzten zwei Jahren nie werben, es lief von alleine. In Obwalden bin ich ziemlich alleine mit dieser Dienstleistung“, erzählt Marlies.

Der Nachhilfeunterricht ist nicht gerade günstig, eine Stunde kostet 100 Franken, finanzieren tun das die Familien selbst. „Das stimmt. Wir stellen das Angebot aber total individuell zusammen und so können wir einen relativ schnellen Erfolg erkennen.“ Und während der Lehre könne es sogar sein, dass der Lehrbetrieb einen gewissen Betrag übernehme.

Ferien sind Ferien

Nun sind die grossen Sommerferien wieder vorbei und viele stürzen sich wieder ins Getümmel der Lernunterlagen, nachgeholfen wird auch erst ab jetzt wieder. In den Ferien macht nämlich auch das Lernatelier Pause. „Ferien müssen Ferien sein, auch für Kinder.“ Ihr Grundsatz ist gleichzeitig auch ihre grösste Herausforderung, da das Geschäft in den letzten sechs Wochen nicht lief. Eine weitere Schwierigkeit sei, dass sie bis anhin nie etwas mit Wirtschaft zu tun gehabt hätte. Seit der ersten Steuererklärung holt sich Marlies die Hilfe von ihrem Partner, der kenne sich gut aus und ist auch im Team mit dabei.

Den Herausforderungen hält sie gut Stand, das Lernatelier Alpnach ist erfolgreich. „Ich habe fast kein finanzielles Risiko und auch seit dem ersten grossen Einrichten nur geringe Auslagen, deshalb habe ich mich nie vor den Herausforderungen gefürchtet, ich hatte mich immer darüber gefreut. „Was ich vermisse, sind meine Klassen oder etwa die lebhaften Schulreisen. Aber als Lehrer bist du immer einsam, ich sehe mein Team fast mehr als die Lehrpersonen in der Schule“, so Marlies. Ihre nächste Herausforderung sei das gezielte Werben.

Marlies ist eine Powerfrau, sie weiss, was ihr liegt, scheut sich nicht vor schwierigen Gesprächen mit Eltern oder Lehrern und macht, was sie liebt: zu unterrichten sei ihre Leidenschaft und vom Fachlichen habe sie sich nie gefürchtet. „Unterrichtet habe ich schon immer. Nur nicht so wie ich es gerne getan hätte.“ Ihre Augen glänzen, sie ist sommerlich gekleidet und glücklich.